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500 Jahre Reformation: Eugen Drewermann spricht über Martin Luther


drewermann 1Zum zweiten Mal besuchte am 30. Mai 2017 der Theologe, Schriftsteller und Psychotherapeut Eugen Drewermann aus Paderborn unser Gymnasium Remigianum. Sein besonderer Wunsch war es, anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation über Person und Werk Martin Luthers zu sprechen.

Die gespannte Erwartung war mit Händen zu greifen, als pünktlich um 10.30h Eugen Drewermann, begleitet von unserer Schulleiterin, Frau Nattefort, den Raum A 21 betrat. Ca. 80 Schülerinnen und Schüler aus der Q 1 sowie zahlreiche auswärtige, teils von weither angereiste Gäste, die sich unserer Schule verbunden fühlen, hatten sich an diesem schwülwarmen Vormittag versammelt, um sich in die theologische Denk- und Gefühlswelt des Mittelalters entführen zu lassen. Herzlich begrüßt wurde der weltweit gefragte Referent im Namen der Schülerinnen und Schüler u.a. von Julia Könitz.

Bereits im vorbereitenden Unterricht z.B. von Frau Baumann wurde auf die Brisanz der Konstellation hingewiesen: Der in den Jahren 1991/92 vom kirchlichen Lehramt gemaßregelte Eugen Drewermann, dem nacheinander die Lehr- und Predigterlaubnis entzogen und der am Ende vom Priesteramt suspendiert wurde, spricht über Martin Luther, der 500 Jahre zuvor vor allem wegen seiner scharfen Kritik an der Praxis der Ablassbriefe ausgegrenzt und verfolgt wurde.
Am 31. Oktober 1517 hatte Luther, so die Legende, seine berühmten „95 Thesen“ an die Schlosskirche von Wittenberg genagelt, die den offiziellen Ausgangspunkt jenes Prozesses darstellen, den man später als „Reformation“ bezeichnen wird. Auf dem Höhepunkt der Konfrontation mit dem damaligen Erzbischof von Paderborn, Johannes Joachim Degenhardt, der offenbar von Rom instruiert wurde, Drewermann zum Widerruf bestimmter Aussagen über den Symbolgehalt des Glaubens besonders zur Person und zum Wirken Jesu von Nazareth sowie zur Idealisierung des römisch-katholischen Priesterbildes zu zwingen, wurde Drewermann vom „Time Magazine“ und von „Le Monde“ ein „neuer Luther“ genannt.


Von den ersten Sätzen an schlug der fast 77jährige Eugen Drewermann das Auditorium in seinen Bann. Drewermann sprach, wie man ihn kennt, völlig frei ohne Manuskript, druckreich die Sentenzen, glasklar die Argumentation, souverän sowohl aus Luthers Schriften als auch aus dem Evangelium wie aus Werken der philosophischen und belletristischen Weltliteratur zitierend.
Dabei gelang es dem Redner immer wieder, überraschende Brücken zur Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler zu schlagen. Beispielsweise, wenn er ausgehend vom Reichstag zu Worms 1521, als Luther vor den Mächtigen aus Reich und Kirche Rede und Antwort stehen musste („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, wird als berühmtes Wort von Luther überliefert; dazu Drewermann: „Nie war Luther größer als auf dem Reichstag in Worms“), aufzeigt, was es denn heute bedeuten mag, einzustehen für das, was man vor seinem Gewissen und human für richtig hält, gegen alle Widerstände und Hierarchien, auch gegen einseitige moralistische Prägungen in der eigenen Erziehung. Mit Luther (und unter späterer „Assistenz“ z.B. von Sören Kierkegaard), interpretierte Drewermann drei zentrale Begriffe des christlichen Glaubens.
„Sünde“, so Drewermann, werde heute noch immer weithin verstanden als Übertretung moralischer Gebote und Gesetze unter dem Einfluss einer überanstrengten und daher die Menschen permanent überfordernden Ethik. Übersetze man allerdings „Sünde“ mit „Angst“ und Verzweiflung“, begreife man, dass Menschen allzu oft das Gute, das sie eigentlich tun wollen, nicht tun und das Böse, das sie eigentlich nicht tun wollen, tun.
Luther, so erklärte Drewermann, hatte (unter dem Einfluss von Augustinus) erkannt, dass der Mensch nicht ohne Weiteres einen freien Willen besitzt, der es ihm ermöglicht, das Gute zu tun, wenn er sich nur anstrengt. Es sei unabdingbar, mit Hilfe der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse hinabzusteigen in die Tiefenschichten eines Menschen bis hin zu frühkindlichen Prägungen und möglichen Traumata, um zu verstehen, wie ein Mensch geworden ist, gerade auch angesichts seiner schrecklichen Taten. 

Einen weiteren alten theologischen Begriff, der heute kaum noch verstanden wird, aktualisierte Drewermann: Gnade. Traditionell wird „Gnade“ missverstanden als der mild von oben herabträufelnde Gunsterweis meist eines „gnädigen Herrn“, eines Königs oder Fürsten oder Lehnsherrn mittelalterlicher Prägung. Dieses Gnadenmodell strikt von oben nach unten herab hielt dann auch Einzug in die katholische Gnadentheologie und wurde auf Gott und auf seinen Stellvertreter, den Papst, und die Bischöfe übertragen. Dies, so Drewermann, war jedoch nie eine echte, menschennahe, menschenfreundliche Erfahrung von Gnade, blieb sie doch rein äußerlich. – Gnade ist vielmehr unbedingtes Angenommen- und Verstandenwerden, unbedingte Akzeptation.
Darum geht es: Menschen sprechen sich im Gegenüber Gottes gegenseitig und immer neu bedingungslose Akzeptanz zu, weil sie sich von Gott her immer schon liebend angenommen und in Güte und Barmherzigkeit umfangen, gewollt und akzeptiert fühlen dürfen. 
Und schließlich: Glaube.
Allzu lange fehlinterpretiert als Führwahrhalten von etwas Nichtgewusstem, plädiert Drewermann für Glaube als Vertrauen in Gott als liebenden, barmherzigen Hintergrund der Welt. Besonders dicht waren jene Momente des Vortrags, als Drewermann, selbst mit Tränen in den Augen und bebender Stimme, in besonderer Weise emotional wurde, so z.B. als er am Grab seines Großvaters tröstende Worte des Vertrauens von seiner Mutter vernahm. Oder als er erläuterte, dass der Gruß des Engels eigentlich lauten müsse: „Es grüßt dich Gott, du liebe Maria.“ „Hier spricht der Ewige selbst das
Wort der Liebe zu dem Mädchen Maria“, so Drewermann. „Gnade“ wird identisch mit dem kostbarsten Wort der deutschen Sprache, mit dem Wort „Liebe“. Deutlich zu spüren waren in diesen Momenten der intensive innere Mitvollzug der Gedanken und Gefühle Drewermanns sowie die Ergriffenheit aller Zeugen des Vortrags.

Am Beispiel der drei Formalprinzipien der Reformation – „Allein durch die Schrift“ (sola scriptura) – „Allein durch Gnade“ (sola gratia) – „Allein durch Glauben“ (sola fide) zeigte Drewermann eine Reihe von befreienden theologischen Entdeckungen, Interpretationen und Leistungen Luthers, die den Menschen, tiefenpsychologisch gesprochen, hinführen und begleiten können auf dem Weg hinaus aus dem Ghetto der Angst vor Gott, vor den Mitmenschen und vor sich selbst hin zu einem befreiten Vertrauen auf Gott und das eigene Menschsein in Eigenständigkeit und Geschwisterlichkeit. „Befreite Freiheit“ hatte Karl Rahner, einer der großen Theologen des II. Vatikanischen Konzils, dies einmal genannt.

drewermann 2Und bei allen Ausführungen zu Martin Luther war zu spüren, dass Eugen Drewermann da immer auch von sich selbst sprach, wie es denn wahr ist: Theologie ist Biographie. Ist sie dies nicht, bleibt sie eine rein andozierende Disziplin wie andere auch und damit rein äußerlich und letztlich entbehrlich.

Nach einer kurzen Pause ging Drewermann im zweiten Teil auf Fragen der Schülerinnen und Schüler ein. Von besonderem Interesse waren biographische Hintergründe und Entwicklungen, die Drewermann auf den Weg in die Theologie und zum katholischen Priesteramt geführt haben. Mit angehaltenem Atem vernahm das Auditorium die „Brombeer-Geschichte“. Im Alter von vier Jahren war der kleine Eugen im Spätsommer 1944 in Bergkamen mit seiner Mutter unterwegs zum Sammeln von Brombeeren, als sich eine britische Fliegerstaffel näherte: „Es war also möglich, dass dies die letzte Minute war. Ich hab als Kind nicht in vollem Umfang die Realität begriffen, aber ich sah, dass meine Mutter erschrocken war. Und dann sagte sie zu mir: „Pflück weiter“.
Drewermann beschreibt dies im Nachhinein als Schlüsselerlebnis: Es ist möglich, sich, wie seine Mutter in dieser dramatischen Situation, nicht von der Angst beherrschen zu lassen, sondern aus einem schier unbegreiflichen Vertrauen heraus buchstäblich weiterzumachen. Aus dieser Erfahrung kristallisiert sich später das große Lebensthema Eugen Drewermanns heraus: Wie kann es gelingen, Menschen im täglich zu erfahrenden, zu erleidenden Feld der Gnadenlosigkeit von der alles beherrschenden Angst als der unheilvollen Triebfeder aller „Sünde“ hinzuführen und zu begleiten zu einem Vertrauen, das in Wahrhaftigkeit, Freiheit und Geschwisterlichkeit leben lässt? Und welche unabdingbare Rolle kann Religion dabei spielen, besonders die einzigartige Figur des Jesus von Nazareth?
Hier schien die besondere Tragik der Entwicklung der Beziehung zwischen Drewermann und der katholischen Kirche auf. Instinktiv spürte man in Rom, dass da ein Theologe und Priester mit seinem Pathos der unbedingten Freiheit des Einzelnen die Grundpfeiler kirchlicher Amtsmacht radikal in Frage stellte, vor allem durch sein Buch „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ von 1989 sowie durch seine Methode der tiefenpsychologischen Auslegung der biblischen Texte. Bis heute ist es tief bedauerlich, dass Eugen Drewermann, „ein doch so frommer Mann“, wie es auswärtige Zuhörer nach dem Vortrag treffend formulierten, vom römischen Lehramt mittels des damaligen Erzbischofs von Paderborn, Johannes Joachim Degenhardt, gemaßregelt, marginalisiert und schrittweise aus der Kirche hinausgedrängt wurde.
Freilich: Ihn mundtot zu machen ist nicht gelungen - im Gegenteil! In einer weiteren Fragerunde spielten die großen Themen der Weltpolitik eine Rolle, sei es, wie man mit schwierigen bis diktatorischen Persönlichkeiten (Trump, Kim Jong-un) umgehe, wie man die unfassbaren Grausamkeiten z.B. des sog. „Islamischen Staates“ einordnen solle oder welche nachhaltigen Antworten es auf den Klimawandel gebe.
Auf allen angesprochenen Sachgebieten brillierte und erstaunte Eugen Drewermann durch umfassende faktengestützte und historische Kenntnisse, die ihn auch komplexe Zusammenhänge in wenigen Sätzen nachvollziehbar erläutern ließen.

Nach einer kurzen Mittagspause stand Eugen Drewermann dann noch interessierten Lehrerinnen und Lehrern für ein Gespräch zu pädagogischen Fragen aus der Sicht des Psychologen zur Verfügung.


Einmal mehr bedankt sich das Gymnasium Remigianum ganz herzlich und in solidarischer Verbundenheit bei Eugen Drewermann für einen unvergesslichen Vormittag. 
Und sehr erfreulich: Ein Wiedersehen im kommenden Jahr ist bereits anvisiert.

Martin Freytag

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