Vortrag von Eugen Drewermann zur Frage nach Gott

Bereits zum dritten Mal besuchte der bekannte Theologe, Tiefenpsychologe und Schriftsteller Eugen Drewermann am 15.01. 2019 das Remigianum. Vor der versammelten Q1 und weiteren auswärtigen Gäasten sprach er zum Thema: „Die Frage nach Gott zwischen Theodizee und der modernen Naturwissenschaft“.

Wie immer hielt Drewermann seinen einstündigen Vortrag völlig frei ohne Manuskript, formuliert in präzisen, druckreifen Sätzen, was allein schon bei den Schülerinnen und Schülern einmal mehr Hochachtung und Staunen hervorrief. Im ersten Teil seiner Ausführungen entfaltete Drewermann ein weitgespanntes Panorama der Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften. Dabei betonte er die Eigengesetzlichkeit der Abläufe innerhalb der Natur sowie der sie erforschenden und beschreibenden Wissenschaften. In aller Klarheit fielen Sätze wie: „Die Theologen haben der Physik in nichts dreinzureden.“ Oder auch: „Der Natur, dem Kosmos sind wir absolut gleichgültig.“ Weder eine planende noch in den Ablauf der Welt und der Natur eingreifende Instanz namens Gott sei erkennbar. „Welt und Natur sind, wie sie sind“, so Drewermann. Und offensichtlich greife Gott ja auch bei aturhaften und menschengemachten Katastrophen eben nicht unmittelbar rettend ein, wie die tägliche Erfahrung lehre. Offensichtlich, so Drewermann, seien die klassischen Gottesattribute „allmächtig“, „allgütig“ und „allweise“ in ihrer Kombination eine Unmöglichkeit, weil sie angesichts der täglichen menschlichen Leidenserfahrung einander widersprächen. Mithin müsse auch die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens der Menschen, die sog. Theodizeefrage, ganz neu bewertet werden. An dieser Stelle wird deutlich, was Drewermann vom Grundansatz seiner Theologie her möchte: die gesamte christliche Schöpfungstheologie und Dogmatik wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. 

Wenn dies aber so ist, so die Frage Drewermanns, wenn es keinen unmittelbar schöpferischen, planenden, eingreifenden Gott gibt, wer beantwortet uns dann die höchstpersönliche Frage nach unserem Menschsein, nach dessen Gewolltheit, Berechtigung, Sinn und Ziel? Genau an diesem Punkt setzt für Drewermann die Notwendigkeit von Religion ein, denn: „Die Physik kann Euch die Funktionsweise eines Autos erklären, niemals aber, wer Ihr als Mensch seid.“ Diese Antwort könne eben nur aus dem Bereich der Religion kommen. 

Lange und eindrucksvoll sprach Drewermann dann über die Notwendigkeit der Erfahrung der Liebe als dem entscheidenden Schlüssel der Erfahrung von Gott, versehen mit wunderschönen poetischen Bildern: Liebe als Aufblühen, als Wasser zur Stillung der Sehnsucht nach Angenommensein und Zärtlichkeit, als Brot zum Überleben im Feld der sonst üblichen Gnadenlosigkeit der Welt. Menschliche Liebe, so „absolut“ sie auch bisweilen empfunden werden möge, sei immer ambivalent, weil bedroht, weil kontingent. Um wahrhaft menschlich lieben zu können, d.h. sein geliebtes Gegenüber Leben nicht zu vergöttlichen und sie/ihn nicht zu überfordern und in seiner Begrenztheit sein zu lassen, brauche der Mensch ein absolut liebendes, gütiges, vergebendes Gegenüber „im Hintergrund der Welt“, welches die jüdisch-christliche Tradition „Gott“ nenne. Dieser im tiefsten Sinn des Wortes väterliche und mütterliche Gott bürge am Ende für das, was uns keine innerweltliche Instanz je zu geben und zu vermitteln im Stande sei: ein unerschütterliches Vertrauen, gewollt und geliebt zu sein, als Mensch berechtigt allen Einflüsterungen der Angst zum Trotz. Und dies gelinge einem jeden Christen am besten an der Hand Jesu.

Mit einem bewegenden Schlusswort entließ Eugen Drewermann die sichtlich beeindruckten Schülerinnen und Schüler: „Achtet nicht darauf, was andere über Euch sagen. Lasst Euch nicht entmutigen, wenn man den Stab über Euch bricht. Geht Euren Weg und geht ihn immer in Vertrauen und Liebe!“

Die Schulgemeinde des Remigianum dankt Eugen Drewermann sehr herzlich für seine immer wieder wegweisenden Gedanken, Impulse und Inspirationen und für seine Bereitschaft, sie unmittelbar vor Ort mit uns zu teilen.

Martin Freytag

Medienscouts

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