"Schwarze Milch der Frühe..."
​​​​​​"Wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng..."
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland..."

dischner 1Selbst wer wenig Interesse an und Kenntnis von Gedichten hat, kennt vielleicht doch diese Verse aus einem der wichtigsten Gedichte des 20. Jahrhunderts, der " Todesfuge" (1944) des jüdischen Dichters Paul Celan (1920 - 1970). Am 23. April 2022 hatte ich Gelegenheit, eine gute Freundin von Paul Celan, Frau Prof. Dr. Gisela Dischner, in Hannover zu besuchen. Frau Dischner (82) war Professorin für Literaturwissenschaft in Hannover. Ich durfte eine faszinierende, sehr lebendige und zugewandte sowie ungemein belesene Frau kennenlernen. Ihr Briefwechsel mit Paul Celan aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts liegt in einer sorgfältig kommentierten Ausgabe vor.

In unserem Gespräch beschrieb Gisela Dischner Paul Celan, der Vielen als der wichtigste deutschsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, als treuen, aber auch schwierigen Freund. Celan, dessen Eltern die Nationalsozialisten umgebracht hatten, kreist in seinen überaus sprachschöpferischen Gedichten immer wieder um die Erinnerung an die Shoah, den Massenmord an den Juden zwischen 1939 und 1945. Manche seiner Gedichte, namentlich die "Todesfuge", bezeichnete er als "Grabinschrift" für seine Mutter, die er in besonderer Weise geliebt hat. Entsprechend sensibel reagierte er auf Kritik an seinen Gedichten im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb der sechziger Jahre: dies vor allem dann, wenn solche Kritik von ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht oder der SS stammte, die nach 1945 zu Literaturkritikern geworden waren.

Gisela Dischner, die sich zur Generation der aufmüpfigen Studentinnen und Studenten, den sog. Achtundsechzigern, rechnete, erzählte auch eindringlich von ihren Differenzen mit Celan hinsichtlich der israelischen Besatzungspolitik zu dieser Zeit. Denn die linke antifaschistische Bewegung der sechziger Jahre stand eher auf Seiten der Palästinenser; Kritik an Israel war an der Tagesordnung. Diese Kritik war für Paul Celan, dessen Gedichte immer auch aus dem reichen Repertoire der jüdischen Tradition schöpften, nichts anderes als Antisemitismus. Freundschaften zerbrachen daran.

Die Freundschaft mit Gisela Dischner (die auch z.B. den Dichter Erich Fried, den Philosophen Theodor W. Adorno sowie den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, Initiator des Auschwitz- Prozesses, persönlich kannte) hat bis zu Paul Celans Tod im April 1970 gehalten. Die tragische Geschichte der letzten Jahre Paul Celans bis hin zu seinem Freitod in der Seine in Paris kann hier nicht mehr erzählt werden, bei Interesse aber in vielfältiger Weise nachgelesen werden.

Ich nehme aus Hannover die Erinnerung an ein intensives und für mich sehr lehrreiches und belebendes Gespräch mit einer wichtigen Zeitzeugin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit. Und es ist mir noch einmal deutlich geworden, wie notwendig die Beschäftigung mit der Lyrik von Paul Celan (und z.B. auch etwa von Nelly Sschs) im Unterricht und darüber hinaus auch gerade heute, im Zeitalter eines neuen Antisemitismus, wieder ist. Gisela Dischner ist durchaus geneigt, demnächst einmal in unser Remigianum zu kommen und über ihr Leben und ihre Freundschaft mit Paul Celan zu erzählen. Dies zu realisieren wäre wirklich ein lohnendes Projekt.

"Grüßen Sie mir das Münsterland", sagte sie zum Abschied.
Diesen Gruß gebe ich gern an uns alle weiter.

Martin Freytag, im April 2022

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