"In einer Gemeinsamkeit des Verstehens hören die Grenzen auf zwischen dem Verletzenden und dem Verletzten und fügen sich Hände über dem Abgrund ineinander in der Bereitschaft, einander nicht mehr loszulassen."

(E. Drewermann, Leben, das dem Tod entwächst, S. 219)

Zum fünften Mal und fünf Tage vor seinem 82. Geburtstag besuchte der weltbekannte Paderborner Theologe und Tiefenpsychologe Eugen Drewermann das Remigianum. 

„Die Kirche vor dem Anspruch Jesu“ sollte der Vortrag lauten, den er vor den Schülerinnen und Schülern der Q1 hielt. Es wurde dann aber doch ein sehr politischer Vortrag vor allem zum Thema Krieg in der Ukraine, immer theologisch grundiert. Drewermann ließ keinen Zweifel daran, dass es sich von Seiten Wladimir Putins um einen "verbrecherischen Angriffskrieg" handelt. Allerdings warf er ab diesem Punkt einen genau spiegelverkehrten Blick auf das ganze Geschehen, indem er in einem weiten historischen Bogen das Verhalten der westlichen Demokratien, speziell Amerikas, unter die Lupe nahm und zunächst einmal die Kriegsgeschichte der NATO nach 1945 ausbreitete, deren Zahl an Opfern in die Millionen geht. 

Im Verhältnis zu Russland, so Drewermann, habe durchaus mehrfach die Chance zu einer nachhaltig friedlichen Gestaltung Europas bestanden, namentlich seit der Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2005. Damals habe die NATO aus 16 Staaten bestanden, heute seien es 30 Staaten. Die NATO habe ihrerseits ihr Versprechen gebrochen, ihr Territorium nicht immer weiter Richtung Osten auszudehnen. Insgesamt seien die ungeheuren Ausgaben des Westens für Rüstung in den vergangenen Jahrzehnten und auch aktuell wieder (allein 100 Milliarden Euro will Deutschland in den kommenden Jahren für die Bundeswehr ausgeben) blanker Irrsinn. „Wir müssen doch einen Sprung in der Schüssel haben“, so Drewermann wörtlich. 

Woher, so die weitere zentrale Frage, kommt nun die scheinbar unauflösliche Neigung der Menschen zum Krieg? Drewermannns Antwort: Es ist die Angst vor dem jeweils Anderen, die uns in immer neue, immer irrationalere Rüstungsspiralen drängt. Diese Angst erzeugt ein immerwährendes Misstrauen schon auf individueller Ebene; auf der kollektiven, also auf Staatsebene erzeugt diese Angst eine Kriegsparanoia, wie wir sie aktuell leider wieder erleben. 

Diese Angst, so Drewermann, und damit eine andauernde Kriegsgefahr, kann nur überwunden werden durch substanziell vertrauensbildende Maßnahmen. 

Hier nun brachte Drewermann die Impulse der Bergpredigt ins Spiel, besonders Mt 5,39: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Wenn man das nicht nur für altorientalische erbauliche Prosa halte, sondern für einen Kernpunkt der Reich-Gottes-Botschaft Jesu,  dann müsse man sich als Christ eindeutig von der geschichtlich scheinbar zementierten Waffen- und Kriegslogik befreien, aussteigen buchstäblich aus dem Teufelskreis von angstgetriebener, spiralförmig sich steigernder Hochrüstung. 

Auch Impulse aus der Ethik Immanuel Kants oder Aussagen des Buddha bot Drewermann zur Betrachtung und Reflexion an.  Hier kam Eugen Drewermann nun zu einem neuralgischen Punkt seines Vortrags. Als Konsequenz aus seinen Reflexionen, seiner Verpflichtung auf die Reich- Gottes- Botschaft Jesu sowie seiner ganz persönlichen friedensethischen Überzeugung zog er die Schlussfolgerung, dass es keine Waffenlieferungen an die Ukraine geben dürfe. Drwermann setzt an dieser Stelle ganz auf das Zeichen der Friedensbereitschaft, der Wehrlosigkeit. Psychologisch gesprochen: Wer den Aggressor, wie nach dem Wort Jesu in der Bergpredigt, den zweiten Schlag ausführen lässt, ohne zurückzuschlagen, verstrickt ihn gerade dadurch in die Einsicht seiner ungerechtfertigten Aggression und bahnt damit dem Frieden den Weg. In seiner Perspektive daher konsequent riet Drewermann dem Westen, endlich seinerseits mit der Abrüstung zu beginnen; dies als ein fundamental vertrauensbildendes Zeichen, welches notwendig sei, der Gegenseite die Angst zu nehmen und ihrerseits auf Waffen zu verzichten. 

Die Schülerinnen und Schüler forderte er am Ende zur Reflexion und zum Mut zum Nein- Sagen auf: „Ihr müsst Euch entscheiden, als welche Menschen Ihr leben wollt.“ Damit meinte Drewermann in diesem Kontext, ob man als Mensch leben will, der sich einer endlosen (auch kapitalistisch motivierten) Kriegslogik der ihn Regierenden beugt oder ob man ein Mensch sein möchte, der unter allen Umständen im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben für Deeskalation, Vertrauensvorschuss, Wehrlosigkeit, Friedfertigkeit eintritt. „Ich weiß, dass ich Euch eine Menge zumute", sagte Drewermann am Ende seines Vortrags  und zitierte als Schlusswort den berühmten Text Wolfgang Borcherts (der an den Folgen des Zweiten Weltkriegs 1947 im Alter von 24 Jahren sterben musste): „Dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“ 

Sicher hat der Vortrag Eugen Drewermanns, wie auch in der anschließenden Fragerunde deutlich zu merken war, bei vielen Schülerinnen und Schülern zwiespältige Gefühle ausgelöst, die sicher lange nachhallen, auch (produktiv) verunsichern und weiter besprochen werden müssen. Drewermanns Worte waren aber allemal anders, als man sie täglich in den Berichten und Kommentaren unserer Ton angebenden Medien hört. 

 

Wir danken Eugen Drewermann für einen spannenden, kontroversen Vormittag, der uns mit einer Menge von Antworten und Fragen entlassen hat.

 

Martin Freytag

Kooperationspartner

 

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